Wenn Gutmenschen zu Übeltätern werden

in Presse

Spiegel Online, 29.6.2011

Pater Kizito: „Du weißt schon wie….“
Uoma: „Brauchst du eine Frau?“
Der Pater: „Nicht direkt. Auch du kannst mir helfen.“
Uoma: „Aber was werden die Leute sagen?“

In dieser Nacht sei nichts passiert, sagt Ouma. Einige Tage später kochte der Padre Spaghetti und Fleisch, auf das er selbst allerdings verzichtete. „Ich wurde plötzlich schwach“, sagte Ouma SPIEGEL ONLINE. „Als ich wach wurde, war ich ganz ölig. Ich habe geduscht, und am nächsten Morgen entschuldigte sich der Padre bei mir.“ Es geschah immer wieder – doch Ouma ging dennoch immer wieder zum Padre. Wie oft? „Zwei Jahre lang, oft, ich habe es nicht gezählt.“

In Kenia wie in ganz Afrika haben Kirchenleute eine kaum zu erschütternde Autorität, zumal solche mit weißer Hautfarbe. Ältere Männer genießen besonderen Respekt. Es ist verpönt, sich zu homosexuellen Handlungen zu bekennen. Vor allem aber war es die materielle Abhängigkeit, die die Jugendlichen und Männer schweigen ließ. Zahlreiche Opfer bezeugen, dass der Pater kleinere und größere Geldbeträge nach Gutsherrenart vergeben habe.

Gunst drückt sich aus in Jobs, Bargeld, Krediten; Missgunst in Kündigungen, Drohungen, dem Entzug von Geld. Starke Druckmittel in einem Land mit Millionen von Arbeitslosen.

Doch nicht alle machten mit. James Mutiso (Name geändert) war jahrelang eine Art Buchhalter. Auch ihm stellte Pater Kizito ein Stipendium für eine kenianische Privatuniversität in Aussicht. Bis er ihn, so erzählt es Mutiso, im August 2008 in sein Zimmer bat. „Ich bin auch nur ein Mensch. Außerdem haben mir die Ärzte erklärt, ich brauche etwas gegen meinen Bluthochdruck“, soll er gesagt haben. Auch Mutiso sollte sich mit dem Pater ins Bett legen. Er lehnte ab. Noch am gleichen Tag musste er Schlüssel und Auto abgeben. Auch das Stipendium hatte sich erledigt.

Es gab Ermittlungen – doch sie kamen nie zu einem Ergebnis

Ein weiterer langjähriger Mitarbeiter der Koinonia-Stiftung, dem sich zahlreiche Jugendliche anvertraut hatten, bestätigte SPIEGEL ONLINE die mutmaßlichen sexuellen Umtriebe des Paters. „Alle erzählten das Gleiche.“ Von den Zeugen sei mindestens einer mit einer Pistole bedroht worden und habe daraufhin seine Aussage eilig zurückgezogen.

Nachdem die Fälle 2009 in Kenia einigen Wirbel ausgelöst hatten, hatten Kirche, Polizei und der Generalstaatsanwalt weitere Ermittlungen angekündigt. Die kamen jedoch – was nicht unüblich ist in Kenia – nie zu Ergebnissen. Und das, obwohl es einschlägiges Material in Hülle und Fülle gibt. In Nairobi kursieren diverse Videos, die den Pater im Ganzkörpereinsatz zeigen: mal völlig nackt, mal nur mit Socken bekleidet.

Die Szenen sind so traurig wie die Kulisse: Eine schäbig-schmale Schlafstätte, ein benutztes Leintuch, eine Wolldecke. Die Videos müssen mit Wissen des Paters entstanden sein, denn das Objektiv ist fest eingestellt auf das Bett. Angeblich soll einer der missbrauchten Jungen vor einiger Zeit mehrere Videos aus der Wohnung des Paters mitgenommen, kopiert und in Umlauf gebracht haben.

Der Padre will zu all dem nicht Stellung nehmen. Er schickt seine Verwaltungschefin Esther Kabugi vor. Sie sagt: „Solche Vorwürfe sind der einfachste Weg, einen Priester anzuschwärzen, zumal wenn es sich um einen weißen Priester handelt.“ Es gebe keine Beweise für irgendeine Art von Missbrauch oder Fehlverhalten, die habe es auch 2009 schon nicht gegeben. Die Anschuldigungen seien der Versuch ehemaliger Treuhänder des Projekts, sich die Immobilien anzueignen. Die Videos seien Fälschungen. Mit der entsprechenden Technologie könne man jedes Video bearbeiten, „die Software dazu gibt es“, sagt Kabugi.

Collins Ochieng und Hesbon Ouma sind erst einmal untergetaucht und halten sich versteckt. Sie hatten anonym zahlreiche Drohungen erhalten, nachdem sie Anzeige erstattet hatten.

Pater Kizito macht weiter – mit Straßenkinderprojekten

Pater Kizito ist längst nicht der einzige Geistliche, der in Kenia auffällig wurde. Im Gegenteil, fast scheint es, als sei das Land dem Vatikan außer Kontrolle geraten. Erst vor kurzem wollten aufgebrachte Bewohner des Dorfes Ranchuonyo im Westen des Landes einen 45-jährigen Pastor lynchen, der sich in einem Kartoffelfeld an einem sechsjährigen Mädchen vergangen haben soll.

Im August 2009 hatte der niederländische Bischof Cornelius Schilder seine Mission unweit von Nairobi fluchtartig verlassen. Er hatte im Vatikan „schwerwiegende Gründe“ für seine Ausreise angegeben, sein Missionsorden sprach von „gesundheitlichen Gründen“. Ein 32-Jähriger behauptete, Schilder habe ihn rund 20 Jahre vergewaltigt. Die Kirche setzte eine interne Untersuchungskommission ein, die Polizei wurde nicht informiert. Schließlich untersagte der Vatikan dem Bischof alle priesterlichen Aufgaben. Niederländische Zeitungen machten die Sache schließlich öffentlich. Die Ordensleitung der niederländischen Mill-Hill-Missionare bestätigte, dass die Kirche Schilder gemaßregelt hat. Er selbst äußerte sich nicht zu den Vorwürfen.

Nachdem in Europa und Kanada in den vergangenen Jahren zahlreiche Missbrauchsfälle publik wurden, scheint das Thema mit einiger Verzögerung nun Afrika zu erreichen. Im Februar wurde die Anglikanische Kirche in Südafrika von einem Reverend an den Pranger gestellt: Am Kap sei sexueller Missbrauch von Minderjährigen über Jahrzehnte an der Tagesordnung gewesen. Der Vorsitzende der Südafrikanischen Bischofskonferenz bekannte öffentlich, dass es seit 1996 rund 40 Fällen von Missbrauch von Minderjährigen allein innerhalb der Kirche gegeben habe.

2010 trat der Erzbischof von Benin zurück, der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs stand im Raum. Der Geistliche bestritt die Vorwürfe, die Annäherung habe einvernehmlich stattgefunden, die Frau sei 21 Jahre alt und damit volljährig gewesen. Der ehemalige Priester Felix Koffi Ametepe aus Burkina Faso bekannte: „Mir sind viele mutmaßliche Missbruchsfälle begegnet, insbesondere bei ausländischen Kirchenleuten.“

Für interne Diskussionen oder mehr Sensibilität haben all diese Fälle aber nicht geführt. Vielleicht auch deshalb sollte im vergangenen Jahr ein Jesuitenpater, der in Brasilien acht Jungen und junge Männer missbraucht haben soll, geräuschlos nach Mozambik transferiert werden.

Auch bei Pater Kizito schaut der Vatikan geduldig zu. Seine Straßenkinder-Projekte betreibt der Pater weiter. Was er sonst noch so treibt, ist nicht im Detail bekannt. Und es scheint so, als ob es die Kirche auch weiterhin nicht wissen will.

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