Missbrauch in der Kirche: Psychiatrische Ferndiagnose

in Presse

derstandard.at, 29.6.2011

Mutmaßliches Missbrauchsopfer: „Gutachter hat mich nie kontaktiert“
Jener hochrangige Geistliche, der von einer 45-jährigen Frau des mehrfachen Missbrauchs beschuldigt und dieser Tage angezeigt wurde, hat die Vorwürfe stets vehement zurückgewiesen und das mit einem Gutachten untermauert, welches dem mutmaßlichen Opfer eine psychiatrische Erkrankung bescheinigt.

Mit dieser Expertise des renommierten Grazer Psychiaters Peter Hofmann wird sich jetzt auch das Landesgericht für Zivilsachen in Graz beschäftigen müssen, denn die 45-Jährige hat dort ein disziplinarrechtliches Verfahren gegen den Gerichtsgutachter beantragt. Der pikante Grund: Das Gutachten sei ohne ihr Wissen und vor allem ohne jegliche Kontaktaufnahme mit ihr erstellt worden, erzählt das mutmaßliche Opfer im Standard-Gespräch. „Ich habe keine Unterlagen oder Befunde übermittelt. Sollte er etwas von anderer Seite erhalten haben, so stellt dies eine massive Verletzung meiner Privatsphäre dar“, erläutert die Frau. Und die Veröffentlichung des Gutachtens ohne ihre Zustimmung sei eine Verletzung des Arztgeheimnisses.

Borderline-Diagnose
Im genannten – dem Standard vorliegenden – Gutachten heißt es, „dass sich aufgrund der konkreten Datenlage der dringende Verdacht eines Stalkingverhaltens ergibt. Grundlage wäre in diesem Fall mit größter Wahrscheinlichkeit eine emotional instabile Persönlichkeit (Borderline). “ Zu einer Stellungnahme – insbesondere die Frage betreffend, ob es einen persönlichen Kontakt gegeben hätte – war der Psychiater auf Anfrage nicht bereit.

Deutlich gesprächiger ist man bei Missio Austria, dem Päpstlichen Missionswerken, wo der Mann in leitender Stellung tätig ist. Nein, es habe nie einen persönlichen Kontakt zwischen dem Gutachter und der Frau gegeben. „Es ist ein Aktengutachten. Analysiert wurden 1240 Schreiben“, erklärt Missio-Austria-Sprecher Eugen Waldstein.

Zeitliche Verwirrungen
Ungeklärt bleibt hingegen das Erstellungsdatum des Gutachtens. Vonseiten der Missio Austria bezeichnet man dieses als „aktuell“, das vermeintliche Opfer gibt hingegen an, jetzt erfahren zu haben, dass das Gutachten bereits 2008 erstellt und unter Verschluss gehalten wurde. Fakt ist, dass in einem – den Fall betreffenden – Bericht der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien vom 14. 12. 2010 protokolliert ist, dass der Geistliche bereits im Jahr 2007 „Aufzeichnungen zwei Psychiatern zur Beurteilung“ gegeben haben soll.

Angezeigt wurden von der Frau auch ein, mittlerweile suspendierter, Franziskaner-Pater und Kardinal Christoph Schönborn. Dieser hätte, so die 45-Jährige, nach einem Gespräch von der Vorfällen gewusst und nichts unternommen. Schönborn, damals Weihbischof, stufte das Treffen im Jahr 1994 als Beichtgespräch (siehe Wissen) ein.

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