Das Stift der Macht

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Jahrhundertelang hat sich das Stift Admont in einer perfekten Inszenierung der eigenen Macht geübt. Mit den Missbrauchsvorwürfen tut man sich sichtlich schwer

Admonts Bürgermeister Günther Posch (ÖVP) hatte sich vor einigen Jahren mit der mächtigsten Institution seiner Gemeinde angelegt und damit Anfang 2004 beinahe ein Tabu gebrochen. Eine Tochterfirma von Stift Admont, so erklärte Posch damals öffentlich, habe einen Schwarzbau errichtet, die kirchliche Institution verlange von der Gemeinde teure Sonderkonditionen, ein ÖVP-Gemeinderat sei von seinem Arbeitgeber Stift Admont „bedrängt“ worden, und Gewerbebetrieben sei mit Repressalien gedroht worden. „Derartige Dinge haben in einer Demokratie nichts verloren“, wurde der Bürgermeister damals im Lokalteil der Kleinen Zeitung zitiert. Sein vehementes Auftreten gegen das Stift Admont sollte ihm jedoch nicht schaden – ganz im Gegenteil: Bei den Gemeinderatswahlen ein Jahr später konnte er seine absolute Mehrheit sogar noch ausbauen. „Vielleicht war das Wahlgeheimnis ein bisschen die Möglichkeit, das zu zeigen, was man öffentlich nicht sagt“, sagt Posch heute. Mittlerweile seien jedoch alle Konflikte völlig beigelegt, ergänzt der seit 1990 amtierende Ortschef, zuletzt hätten Benediktinerstift und Marktgemeinde etwa bei einem aktuellen Hotelprojekt hervorragend kooperiert.

Kein Zweifel, Kritik in der seinerzeit artikulierten Schärfe kann sich in Admont nur ein sehr profilierter Politiker leisten – oder der Bürger im Geheimen. Denn im Ort und seiner Umgebung selbst hängt praktisch alles von der kirchlichen Institution ab: Seelsorge in 26 Pfarrgemeinden, Gymnasium, Kultur, Wohnung und auch der Job. Diese Summe an Einflusssphären generiert eine lokale Machtfülle, die in der Steiermark ihresgleichen sucht.

Das erklärt auch, warum Vorwürfe mit Admonter Bezügen erst Jahrzehnte später bekannt wurden – im Zuge jener Welle, die österreichweit zum Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle und von katholischer Seite 2010 zur Einrichtung der sogenannten Klasnic-Kommission führte. Das Stift vermittelte den Eindruck, nur jene Verbrechen aus der Vergangenheit öffentlich zuzugeben, die nicht mehr zu leugnen waren. Und das viel zu spät: Erst kurz nachdem Pater Berthold S., der zumindest noch in den 70er-Jahren Kinder sexuell missbraucht hatte, verstorben war, folgte 2010 eine öffentliche Entschuldigung durch Abt Bruno Hubl. Anlässlich seines 80. Geburtstags war der gerichtlich nie verfolgte Pater 2008 im stiftseigenen Magazin Pax noch gefeiert worden – und das, obwohl die Causa intern damals schon bekannt gewesen sein musste. Eine zeitgemäße Krisenkommunikation, die auf Transparenz setzt, sähe anders aus. Sie würde aber gleichzeitig an den Grundfesten der eigenen Autorität kratzen. Stets stand in der Kommunikation nach außen einerseits Verschwiegenheit und andererseits eine perfekte Inszenierung der eigenen Macht im Vordergrund.

Auch mehr als 200 Jahre nach ihrer Errichtung vermittelt Admonts Klosterbibliothek, eigenen Angaben zufolge die größte der Welt, einen überwältigenden Eindruck. Hier kamen im späten 18. Jahrhundert führende Künstler wie der spätbarocke Bildhauer Josef Stammel zum Einsatz, alle Oberflächen sind auf Hochglanz poliert. Auch intellektuell konnten die Mönche in der obersteirischen Provinz mithalten und zumindest intern mit frühen Ausgaben zentraler Werke der durchaus ketzerischen Aufklärung protzen. In den vergangenen Jahren ließ man die Bibliothek restaurieren, adaptierte aber auch stilsicher Räumlichkeiten für einen Ausstellungsbetrieb. Innerhalb kurzer Zeit avancierte Admont derart zur wahrscheinlich führenden kirchlichen Institution für zeitgenössische Kunst in Österreich– auf internationalem Niveau. Es gibt auch weitere Synergieeffekte: Für die Renovierung und Adaptierung flossen massiv öffentliche Subventionen, mit seiner Kombination aus Alt und Neu entwickelte sich zudem der Museumsbetrieb zu einem touristischen Magneten – gerade auch ökonomisch erweist sich dieses kulturelle Engagement als sinnvoll.

In Sachen Wirtschaft kann man den Admontern nichts vormachen: Das Stift, das von seinem kirchlichen Status auch steuerlich profitieren kann, ist mit 500 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber in der Region. Man kontrolliert ein kleines Firmenimperium, produziert Strom in eigenen Kraftwerken, ist einer der größten privaten Waldbesitzer der Republik und hat in der Nachkriegszeit erfolgreich den Wandel vom Forst- zum Industriebetrieb geschafft. 2010 war das Stift jedenfalls sehr liquid: Im Zuge der Privatisierung der bundeseigenen Wohnungsgesellschaft Buwog erwarben die Admonter 276 Wohnungen in der ganzen Steiermark. Wirtschaftliche Stärke, so verkündet die Homepage, diene seit jeher als Basis dafür, vielfältige Aufgaben selbstständig erfüllen zu können. Der Reichtum der Admonter geht aber deutlich darüber hinaus. Als kirchliche Institution muss das Stift allerdings keine Bilanzen im öffentlichen Firmenbuch hinterlegen, genaue Zahlen zu Umsatz oder Gewinn bleiben geheim.

Auch in Fällen von Kindesmissbrauch hatte das Stift stets auf Diskretion gesetzt und damit jahrzehntelang verhindert, dass die konkreten Verbrechen öffentlich bekannt wurden. Man kommuniziert weiterhin defensiv: Vorwürfe eines ehemaligen Internatsschülers, dessen Darstellung von der Klasnic-Opferschutzkommission nicht anerkannt worden war und der behauptet, in den 60er-Jahren von zwei Priestern gedemütigt, geschlagen und vergewaltigt worden zu sein, wies das Stift vergangene Woche in einer Erklärung zurück.

Unabhängig von der aktuellen Causa dürfte bislang nur die Spitze des Eisbergs öffentlich bekannt sein. Herwig Hösele, der Koordinator der Klasnic-Kommission, schreibt von mehreren Betroffenen, die Opfer von Missbrauch und Gewalt durch Ordensangehörige des Stifts Admont geworden seien und denen die Kommission finanzielle und therapeutische Hilfestellungen zuerkannt habe: „Es handelt sich allerdings um andere Beschuldigte als die zwei im aktuellen Fall genannten Priester.“

Auf Falter-Nachfrage bedauert Abt Bruno Hubl einmal mehr den nicht adäquaten Umgang mit Opfern und Tätern in der Vergangenheit: „Ich kann nur um Verzeihung ersuchen.“ Es habe in den 60er- und 70er-Jahren Missbrauch gegeben, bestätigt er. Zumindest ein Täter, der jedoch nicht Mitglied des Stifts gewesen, sondern bloß in seinen Diensten gestanden sei, sei in sein Heimatkloster zurückgekehrt und vor Gericht auch für sein Verbrechen verurteilt worden. „Weitere Sanktionen sind mir nicht bekannt“, erklärt Hubl. Jenseits gelegentlicher Ohrfeigen wisse er auch nichts von weiteren Fällen gewalttätiger Erziehungsmethoden im Internat des Stiftsgymnasiums.

Ein ehemaliger Internatsbewohner aus den späten 70er-Jahren, der anonym bleiben möchte, erinnert sich anders: Er habe einmal einen Pater beobachtet, wie dieser einem Mitschüler so heftig ins Gesicht schlug, dass das Unterkiefer des Schülers ausgerenkt war. Freilich, die Beurteilung von Gewalt hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte geändert. Seinerzeit hat man im Internat Gewalt und auch die Macht des Stifts jedenfalls noch unmittelbar spüren können.
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